Residenzen am Zürcher Theaterspektakel - Austausch über Kulturgrenzen hinweg
watch & talk ist ein neues Förderinstrument für junge Künstlerinnen und Künstler in den Bereichen Tanz, Theater und Performance. Das Zürcher Theaterspektakel und das Migros Kulturprozent haben sich in diesem Jahr zusammengetan, um acht Künstlerinnen und Künstlern eine zehntägige Residenz an diesem internationalen Festival anzubieten. Auf der Landiwiese, dem Dreh- und Angelpunkt des Festivals, werden nicht die Kreation, sondern der Austausch und die Reflexion im Zentrum stehen. Dominique Martinoli hat sich mit Daniel Imboden, dem Verantwortlichen für die Sparte Theater des Migros Kulturprozent, über watch & talk unterhalten.
Was sind die Ziele von watch & talk?
Wir möchten für Bühnenkünstler einen Ort der Reflexion schaffen. Der Produktionszyklus, in welchem man mit einem Stück tourt, während die nächste Produktion bereits in der Probephase ist und die dritte für die neue Subventionseingabe auf dem Papier entsteht, stellt die Künstler unter Druck und lässt kaum Zeit, sich künstlerisch zu entwickeln. Mit watch & talk bieten wir die Möglichkeit, diesen Produktionsalltag hintan zu stellen, um Zeit für einen künstlerischen Austausch zu finden. Wir erwarten lediglich Bereitschaft zur Reflexion und zum Austausch, Neugier und Offenheit.
Wie sind die Residenzen organisiert?
Wir haben uns für drei Ebenen entschieden. Zunächst haben Sandro Lunin, Programmleiter des Zürcher Theaterspektakels, Sally de Kunst, Leiterin des Belluard Bollwerk International und ich Veranstaltungen zusammengestellt, welche wir alle gemeinsam besuchen und über die wir uns austauschen werden. Das wird sehr intensiv sein, da pro Tag zwei Aufführungsbesuche vorgesehen sind. Andererseits gehört es bei einem Festival dazu, mit einer Überdosis an Bildern, Eindrücken und Fragen konfrontiert zu werden.
Die zweite Ebene bilden die öffentlichen «Tafelrunden» am Vorabend einer Aufführung, an welchen sich Publikum und Künstler austauschen können. Wir haben uns entschieden, diese Tafelrunden um einen internen Austausch zu erweitern, der von Sally de Kunst und mir moderiert wird. Bei diesem Austausch geht es um das Gesehene und den Einbezug der künstlerischen Arbeit der Teilnehmer bei watch & talk.
Als dritte Ebene wird ein Proben- und Werkstattraum angeboten. Jeden Morgen können die Teilnehmenden in der Roten Fabrik ein Diskussionsthema vorschlagen, eine Textlektüre, Trainings und vieles andere mehr. Hinzu kommt, dass alle Teilnehmer von watch & talk am gleichen Ort wohnen, was den Austausch untereinander noch mehr fördert.
Das Echo auf unsere Ausschreibung war sehr gross. Aus 60 eingegangenen Bewerbungen, wählten wir insgesamt acht aus den Bereichen Theater und Tanz aus, je vier aus der welschen und aus der deutschen Schweiz: Gregory Stauffer (Performer, Genf), Valentine Paley (Tänzerin/Choreographin, Vevey), Muriel Imbach (Regisseurin, Lausanne), Beren Tuna (Schauspielerin, Zürich), Hans Bryssinck (Regisseur/Performer, Bruxelles), Lucie Eidenbenz (Performerin/Choreographin, Genf), Anna Papst (Regisseurin, Zürich) und Monika Truong (Sinologin, Zürich). Für eine erste Durchführung ist das ein guter Erfolg!
In einem kürzlich ausgestrahlten Radiointerview meinte Jacques Roman, Theaterschaffender: «Heute gehen die Schauspieler in Aufführungen, statt auf der Strasse oder im Café ihre Inspiration zu suchen». Was halten Sie davon?
Künstler kennen sich oft von der Ausbildung her, aber ein Austausch untereinander findet praktisch nicht statt. Inspiration kann man durchaus im Alltag finden. Mit watch & talk verfolgen wir ein anderes Ziel, nämlich sich gegenseitig kennen zu lernen und zu erfahren, was die anderen beschäftigt. Wir möchten einen Austausch über den Röschtigraben hinweg ermöglichen, der das Verständnis für die andere Sprach- und Kulturregion fördert. Die internationalen und interdisziplinären Produktionen am Zürcher Theaterspektakel regen zu dieser Diskussion an: man tauscht sich über das Gesehene aus und nicht über die eigene Arbeit, das schafft indirekt Nähe. Man kann dies mit einem tertium comparationis vergleichen: Man findet gemeinsame Diskussionspunkte, obwohl man sich nicht kennt und zum Teil nicht einmal die Sprache des anderen beherrscht. So gesehen ist watch & talk eine besondere Form von Vermittlungsarbeit!