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11.11.2010
17:33

Zwang zum Erfolg - oder wie Tanzwerke entstehen

11/11/2010

Zwang zum Erfolg - oder wie Tanzwerke entstehen

Wie arbeitet ein Tanzensemble? Es gibt derzeit drei typische Formen:

  1. Das Ensemble wird als solches oder als Teil einer grösseren Institution (Stadttheater, Opernhaus) regelmässig subventioniert. Auch wenn die einzelnen Subventionsverträge zeitlich befristet sind, bedeutet dies praktisch eine auf Dauer sichere Grundlage. Eine solche haben heute 8 Ensembles in der Schweiz.
  2. Das Ensemble wird von Projekt zu Projekt finanziert, wobei für jede Choreografie einzeln Gesuche gestellt werden müssen. Dies hat in der Regel zur Folge, dass Ensembles nicht über längere Zeit beisammen bleiben (können), sondern von Werk zu Werk mindestens teilweise neu zusammengesetzt werden (müssen).
  3. Das Ensemble wird auf bestimmte Zeit – oft für 3 Jahre – aufgrund eines „contrat de confiance“ finanziert. Dies gibt ihm „Schnauf“ und die Freiheit, nicht nach jedem abgeschlossenen Werk quasi neu anfangen zu müssen. Heute gibt es in der Schweiz etwa .. solche Verträge.


Bühnentanz wird also unter höchst unterschiedlichen finanziellen Bedingungen kreiert. Hinzu kommen Unterschiede in der Verfügung über Proberäume (eigene, feste oder von Fall zu Fall), Auftrittsorte und Infrastrukturen für die Bekanntmachung der Produktionen. Je fragiler die Produktionssituation, desto öfter und – für die Fortführung der choreografischen und tänzerischen Existenz – grundlegender muss man sich stets neu einer Qualitätsprüfung stellen. Je solider die Produktionssituation, desto mehr Vertrauen geniesst man. Das ist ungerecht, denn dadurch wird die Ungleichheit zementiert: Den Etablierten sieht man ab und zu weniger Gelungenes nach, weil zur künstlerischen Entwicklung auch Irrwege gehören. Die nicht Etablierten hingegen müssen mit jedem Projektantrag überzeugen und können sich keinen Umweg leisten. Dieser Zwang zum Erfolg bei den Förderstellen kann eine Behinderung auf dem künstlerischen Weg bedeuten. Das ist aus meiner Sicht nicht fair.
Was tun? Wir leben in einer unvollkommenen Welt. Die Kulturförderung der öffentlichen Hand laviert ständig zwischen zu vielen Ansprüchen und zu wenig Geld. Es wird folglich weiterhin ungleiche Verhältnisse geben. Doch drei Verbesserungen erscheinen mit gutem Willen und etwas mehr Geld erreichbar:

  • Die Prüfung von Finanzierungsgesuchen freier Choreografen kann bei einem bestimmten Leistungsausweis vereinfacht, die Zusprache von Beiträgen „automatisiert“ werden. Im Zweifel soll gelten: Wir vertrauen dem Künstleer/der Künstlerin. Und jeder zusätzliche „contrat de confiance“ ist ein Gewinn.
  • Für die Zeit zwischen den Produktionen, in denen Choreograf/innen und Tänzer/innen mangels Finanzierung nicht im Beruf arbeiten können, aber dennoch trainieren müssen, um arbeitsfähig zu bleiben, braucht es eine angemessene Lösung in Kombination von Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe.
  • Wo möglich, können die fest finanzierten Ensembles ihre Infrastruktur, ihre Trainings, ihre PR-Kapazitäten mit freien Gruppen teilen.


Danse Suisse arbeitet an diesem Thema und ist offen für alle Erfahrungen, Ideen und Vorschläge.

Christoph Reichenau

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08.09.2010
11:04

Bühnentanz

Autor: Christoph Reichenau

Immer wieder wird gefordert: Wer für den Tanz eintritt, soll für alle Arten, Stile und Formen des Tanzes eintreten, für Tango, Flamenco, Volkstanz ebenso gut wie für den klassischen Tanz und den zeitgenössischen künstlerischen Tanz. Ich sehe dies nicht ganz so.

Wenn wir bei Danse Suisse von Tanz reden, reden wir von Bühnentanz. Im Bühnentanz stehen die physische Technik und deren Ausführung immer im Dienst eines bestimmten Ausdrucks. Bühnentänzerinnen und –tänzer stellen geistige und seelische Inhalte dar. Sie benützen ihren Körper als künstlerisches Instrument, um Rollen und Themen zu gestalten. Wie nichts sonst vermögen Kunstwerke die Menschen zu berühren, zu bewegen, anzuregen. Genaues und kritisches Hinhören, Hinsehen, Mitdenken macht uns Menschen aufmerksam, ausdrucks- und urteilsfähig.

Wovon grenzen wir den Bühnentanz ab? Sicher von der rein gymnastischen Bewegung. Sicher vom Gesellschaftstanz, in dem Einzelne und Paare sich erfreuen. Sicher vom Volkstanz, soweit er ausschliesslich überkommene Formen pflegt. Darüber hinaus wird die Abgrenzung schwierig, erfordert Abwägung und Unterscheidung.  Ob Tanz in Musicals, in Opern, in Variété und Zirkus bloss Schrittmacher ist oder geistiger Ausdruck, hängt von der Inszenierung ab. Das Gleiche gilt, wo herkömmliche Formen in neuer Weise genutzt, weiterentwickelt, neu kombiniert werden, etwa im Flamenco oder in Oliver Dählers Choreografie „Lüpf Dini Schue“.

Nicht die äussere Form entscheidet also, sondern der im tänzerischen Ausdruck erfahrbare Inhalt. Folgerichtig bedeutet dies: Auch eine perfekt getanzte klassische oder zeitgenössische Choreografie kann inhaltsleer werden. Bühnentanz ist, so gesehen, kein Stil, keine Form, sondern ein künstlerischer Anspruch. Ein Anspruch darauf, Menschen zu bewegen, ihnen ihr Umfeld verständlicher zu machen, sich besser zu orientieren und sicherer auszudrücken. Bühnentanz ist eine Form, die zur Ausweitung der Demokratie beiträgt.

Christoph Reichenau

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