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Schweizer Tanz in Bewegung

Von Julia Wehren (15.09.06) Nicht ein Ende, sondern ein vielversprechender Anfang sei das Projekt Tanz: mit diesen Worten eröffnete Frédéric Jauslin am Montag, 11. September 2006 die Pressekonferenz zur Schlusspräsentation des Projekts Tanz. Der Leiter des Bundesamts für Kultur stellte gemeinsam mit Pius Knüsel, Leiter der Pro Helvetia, Andrew Holland, Leiter der Tanzabteilung derselben, Brigitte Waridel, Vertreterin der Kantone sowie Marco Läuchli und Regula Wolf des Leitungsteams den Schlussbericht des Projekts Tanz vor. Eine Erfolgsgeschichte mit Modellcharakter.

Vier Jahre lang durchleuchtete das Projekt Tanz unter der Leitung von Andrew Holland, Marco Läuchli und Regula Wolf sowie bis 2005 Murielle Perritaz die Tanzszene Schweiz. Erfreulicherweise förderte diese Untersuchung nicht nur Papierstapel zu Tage, sondern konkrete und bereits umgesetzte Massnahmen mit weit reichender Vorbildfunktion. Für den Schweizer Tanz ein Meilenstein oder, wie Jauslin es formulierte: «Dank dem Projekt Tanz hat der Tanz eine Stimme erhalten, die stark genug war, gehört zu werden.»

Den Ausschlag für das Projekt Tanz 2002 gab das Vakuum in der Schweizer Tanzförderung sowie die Einsicht, dass dringender Handlungsbedarf bestand, sollte die Kunstform Tanz erhalten und international konkurrenzfähig bleiben. Der Tänzerberuf ist in der Schweiz nicht anerkannt. Dies hat zur Folge, dass die Existenz für Tanzschaffende unsicher ist, ihre gesellschaftliche Akzeptanz niedrig, ihre Arbeitsbedingungen schlecht sind und ihre Berufsmöglichkeiten limitiert. Die Einkommen sind bescheiden und unregelmässig, der Schutz durch Sozialversicherungen ungenügend.

Unter Berücksichtigung der berufspezifischen Bedürfnisse wie zum Beispiel dem frühen Karrierebeginn oder der langen Produktionsdauer sollte dem Missstand ein Ende gesetzt werden. Ziel war es, eine adäquate Förderung zu erarbeiten, die nicht einzelne kurzfristige und kostenintensive Massnahmen bringt, sondern eine nachhaltige und effiziente Förderstrategie erlaubt. Unter Einbezug der Städte, Kantone, des Bundes und der Fachkräfte des Tanzes wurde deshalb ein Modell erarbeitet, das den Tanz von Grund auf, sprich, ab der Ausbildung im Schulalter, über die Produktion und Tourneetätigkeit bis hin zur Umschulung am Ende einer Karriere erfasst und begleitet.

Dass dieses ambitiöse Vorhaben erfolgreich in Tat umgesetzt werden konnte, rührt nicht zuletzt daher, dass sich durch die vormals stiefmütterliche Behandlung die einmalige Chance bot, ein umfassendes Modell für alle Bereich zu entwerfen. Dahinter stecken viel Arbeit, ein gemeinsamer Wille und eine breite Sensibilisierung für die Thematik. Brigitte Waridel umschreibt den Arbeitsprozess folgendermassen: Aus dem «Je t'aime, moi non plus» sei letztlich ein «Je t'aime, moi aussi et on ne se quitte plus» geworden. Dies ist vor allem auch gemünzt auf die ungewohnte Zusammenarbeit quer durch die Institutionen. Was vorher zwar informell bereits bestand, wurde nun institutionalisiert: Städte, Kantone und Bund betreiben erstmals in der Geschichte der Schweizer Kulturförderung ein gemeinsames Förderinstrument. «Der Tanz wurde damit zum Modellfall dafür, was eine Zusammenarbeit sein könnte», sagt Waridel.

Auch Pius Knüsel hebt diese vertikale Form der Zusammenarbeit hervor. Sie sei in dieser Form für die Schweiz einmalig, ja «geradezu spektakulär». Das Projekt Tanz brachte Förderinstanzen aller Ebenen, Tanzschaffende, Verbände, Veranstaltende und Schulen an einen Tisch und – ein Novum – machte Tanz zu einem Thema der Politik. Kein Wunder, hat das Projekt auch Modellcharakter für andere Sparten. Es gäbe bereits in der Literatur und im Theater ähnliche Ideen, sagt Knüsel.

Als konkrete Massnahme bereits umgesetzt ist eine wichtige Erneuerung in der Ausbildungssituation: nach der Einführung der Nachdiplomstudiengänge in den Bereichen Tanzkultur (Universität Bern) und Tanzpädagogik (Hochschule Musik und Theater Zürich) sowie dem Beginn des Master-Studiengangs Tanzwissenschaft (Universität Bern) startet voraussichtlich 2008  das Pilotprojekt Bühnentanz mit Lehrgängen in der Deutsch- und Westschweiz. Diese sollen mit dem Eidg. Fähigkeitszeugnis mit Berufsmatur abgeschlossen werden. Für die Ausgebildeten bedeutet dies, dass sie mit den Diplomen auch Ansprüche geltend machen können. Die Anerkennung des Tanzberufs rückt damit in greifbare Nähe.

Mit den kooperativen Förderverträgen verfügen Städte, Kantone und Bund neu über ein gemeinsames Fördermodell. Es erlaubt ausgewählten Compagnies eine langfristige Planung und befreit sie vom Produktionsdruck. Die Tourneemöglichkeiten im In- und Ausland sollen zudem verbessert werden. Insgesamt 15 Dreijahresverträge wurden bereits abgeschlossen. Als Folgeerscheinung zu erwähnen, sind auch die aufgestockten Tanzbudgets der Städte Bern, Genf, Zürich und der Kantone Zürich und Freiburg sowie die erhöhten Beiträge der Pro Helvetia.

amit der Schwung, der durch das Projekt Tanz in Gang gesetzt wurde, auch nach Abschluss der Projektphase bestehen bleibt, wurde eine Arbeits-, Reflexions- und Aktionsplattform ins Leben gerufen. Sie heisst Réseau Danse und versteht sich als Netzwerk der Institutionen im Bereich Tanz, zu denen Veranstaltende, Schulen, Archive, Unis etc. gehören. Ab 2007 soll eine Geschäftsstelle unter der Leitung von Murielle Perritaz die Zusammenarbeit koordinieren. Geplant ist nicht ein nationales Tanzhaus wie dies in anderen Ländern der Fall ist, sondern ein schlankes Netzwerk regionaler Akteure; eine typisch schweizerische Lösung, die dezentral funktioniert, auf den bestehenden Aktivitäten aufbaut und sich aus den Mitgliedern selbst konstituiert.